Was beim Lektorat geschieht und wie es am besten durchzuführen ist, davon haben die meisten eine ziemlich klare Vorstellung. Erst wenn die Arbeit an einem Text konkreter wird, kommen gelegentlich Fragen und Zweifel darüber auf, wer welche Aufgaben übernehmen muss, wie mit Korrekturen umzugehen ist und wie die Aktivitäten von Autor/in und Lektorat am besten aufeinander abzustimmen sind. Wirklich schwierig kann es vor allem dann werden, wenn die Arbeiten in vollem Gang oder bereits abgeschlossen und Kurskorrekturen nicht mehr so ohne Weiteres möglich sind. Die folgenden Tipps resultieren aus langjähriger Lektoratserfahrung und sollen Ihnen dabei helfen, unangenehme Situationen und böse Überraschungen von vornherein zu vermeiden.

Planung und Termine

Vereinbaren Sie genau, was beim Lektorat geprüft und ggf. korrigiert werden soll, und das am besten schriftlich. So haben alle Beteiligten nicht nur eine Dokumentation des Vereinbarten, sondern auch eine Gedächtnisstütze für die Textarbeit. Gerade bei Aufträgen, die sich länger hinziehen, kann das sehr hilfreich sein.

Apropos langwierige Aufträge: Legen Sie konkrete Termine für die einzelnen Arbeitsschritte fest und vergewissern Sie sich, dass diese Termine auch eingehalten werden. Bei Verzögerungen und Verschiebungen muss der Zeitplan natürlich jeweils angepasst und die neue Planung allen Beteiligten mitgeteilt werden. Autorinnen und Autoren übersehen gelegentlich, dass sie ebenfalls Termine einzuhalten haben, z. B. bei der Manuskript-Abgabe oder wenn das von ihnen geprüfte Manuskript einen zweiten Korrekturgang durchlaufen soll.

Doppelter Nutzen: das Probelektorat

Ein Probelektorat kann für beide Seiten sehr hilfreich sein: Der bzw. die Lektorierende kann sich so mit den Stärken und Schwächen eines Textes vertraut machen und damit nicht zuletzt den Arbeitsaufwand besser einschätzen, und als Autor/in erhält man einen Eindruck von der Arbeitsweise des Lektorierenden. Außerdem lässt sich der Arbeitsauftrag noch einmal präzisieren und man kann Kurskorrekturen vornehmen, bevor es zu spät ist.

Rechte und Pflichten von Autor/innen

Sowohl in der Manuskript- als auch in der Korrekturphase sollten Sie sich immer wieder bewusst machen, dass Sie als Autor/in allein die Verantwortung für Ihren Text haben. Letzten Endes entscheiden Sie, wie Ihr Text veröffentlicht wird, und nicht die Person, die Ihren Text lektoriert. Sie müssen sich zu nichts überreden lassen und können Korrekturen und Vorschläge jederzeit zurückweisen, wenn diese Sie nicht überzeugen. Gleichzeitig sollten Sie beim Schreiben aber auch die größtmögliche Sorgfalt walten lassen und keine Autorenaufgaben aufs Lektorat abwälzen. Es ist sehr frustrierend, einen nicht durchdachten, nur halbfertigen Text zu lektorieren, und es kann im schlimmsten Fall zu Missverständnissen und Fehlern führen.

Ein Manuskript sollte erst dann ins Lektorat gehen, wenn es wirklich fertig ist. Klingt naheliegend, wird aber viel seltener beherzigt als gedacht. Gerade bei Termindruck lassen sich viele gerne dazu verleiten, die Arbeit an einem Text vorzeitig zu beenden, obwohl dort noch einiges im Argen ist, wie zum Beispiel nicht zuende gedachte, provisorische Formulierungen (oft erkennbar an den unzähligen Anführungsstrichen); fragende und auffordernde, für andere oft kryptische Notizen im Fließtext oder in den Fußnoten wie „das muss nochmal überprüft werden“ oder „ist das wirklich so?“; fehlende oder unvollständige Fußnoten, fehlende Literaturangaben, fehlende Einträge in der Literaturliste. Wenn unfertige Manuskripte ins Lektorat wandern, können einige unangenehme Dinge passieren, wie diese beiden Szenarien zeigen:

 

  • Szenario 1: Die Autorin schickt dem Lektor ihre Nachkorrekturen per Mail zu, mit der Bitte, die entsprechenden Passagen in der Textdatei einzufügen. Der Lektor setzt das zwar um, ärgert sich aber im Stillen über die entstandene Mehrarbeit, weil er die nun überholten Textpassagen bereits sorgfältig durchgearbeitet hat und jetzt noch einmal von vorne anfangen muss. Mit etwas Pech gibt es noch das eine oder andere Missverständnis beim Aktualisieren der Texte …
  • Szenario 2: Der Autor möchte solche Missverständnisse vermeiden und schickt gleich eine neue, aktualisierte Datei, in der die Änderungen allerdings nicht kenntlich gemacht sind. Da die Lektorin bereits mit der Arbeit begonnen hat, ist sie gezwungen, einen Dateiabgleich vorzunehmen, bevor sie die geänderten Passagen in ihre Textversion übernehmen kann.

Nützliches Hilfsmittel: das Stylesheet

Besonders für längere Manuskripte sollte man schon in der Schreibphase ein Stylesheet anlegen. Es ist nützliches Instrument, um einen Text einheitlich zu gestalten und damit mühselige Nachkorrekturen zu vermeiden, die ein inkonsistentes Manuskript mit sich bringt. Im Stylesheet hält man beispielsweise die Schreibweise von Eigennamen und von Wörtern mit mehreren zugelassenen Schreibweisen fest (Kleopatra oder Cleopatra; Biographie oder Biografie; nahe liegend oder naheliegend), ebenso die Verwendung von Zeitangaben, Abkürzungen, Fachbegriffen oder die Form von Literaturangaben, die Textformatierung bestimmter Begriffe oder fremdsprachiger Ausdrücke usw. Das Stylesheet sollte man auch an alle weiterreichen, die mit dem Text zu tun haben, ob sie nun lektorieren, Korrektur lesen oder Satzfahnen überprüfen. Mehr Informationen zur Verwendung von Stylesheets und eine Vorlage zum Herunterladen finden Sie hier.

Korrekturen: hoher Stresspegel und hilfreiche Strategien

Lektoriert und korrigiert wird normalerweise mit dem Überprüfen-Modus von Word (oder dem entsprechenden Werkzeug eines anderen Textverarbeitungsprogramms). So lassen sich Korrekturen gut nachverfolgen und dann entweder annehmen oder ablehnen. Bei einigen Autor/innen führt das Gewirr aus Durchstreichungen, farbig hervorgehobenem Korrekturtext und Kommentaren im Textbereich und am Rand zu einem erhöhten Stresspegel oder zu einem Gefühl der Frustration, denn viele fühlen sich an Klassenarbeiten erinnert, bei denen die Menge an Korrekturrot ein deutlicher Hinweis auf die (schlechte) Note darstellte. Die zahlreichen Korrekturen in einem Manuskript können aber schlicht und ergreifend bedeuten, dass jemand sehr sorgfältig korrigiert hat. Und: es handelt sich in der Regel um Verbesserungsvorschläge, nicht um eine Bewertung oder gar um vernichtende Kritik.

Vielleicht hilft Ihnen folgende Strategie, wenn Sie mit der Menge an Korrekturen in Ihrem Manuskript hadern oder den Wald (also Ihren Text) vor lauter Bäumen (den fremden Korrekturen) nicht mehr sehen können: Erstellen Sie eine Kopie der korrigierten Datei und nehmen Sie in dieser Kopie sämtliche Korrekturen pauschal an (in Word: Überprüfen > Alle Änderungen annehmen). Lesen Sie den auf diese Weise turbokorrigierten Text unvoreingenommen durch und sehen Sie sich erst danach die Dateiversion mit den kenntlich gemachten Korrekturen in Ruhe an. Es kann sein, dass Sie dann viele Änderungsvorschläge in einem positiveren Licht sehen.

Eine andere Möglichkeit ist es, die Sichtung der Korrekturen in mehreren Durchläufen vorzunehmen: Zunächst nehmen Sie die ganz unstrittigen Korrekturen an, ohne sich mit den schwierigeren Fällen zu befassen. Als Nächstes können Sie Korrekturvorschläge ablehnen, die Sie überhaupt nicht überzeugen (sofern es solche gibt). Und erst beim dritten Durchgang befassen Sie sich mit den Korrekturen und Kommentaren, die etwas mehr Nachdenken erfordern. So reduzieren Sie schrittweise das Korrekturgewirr und bringen mehr und mehr Klarheit und Übersichtlichkeit in Ihre Textbaustelle.

Wenn Sie der Person, die Ihren Text lektoriert bzw. korrigiert, in Sachen Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik blind vertrauen, können Sie auch vereinbaren, dass entsprechende Korrekturen nicht im Überprüfen-Modus vorgenommen werden. Das kann die Zahl der sichtbaren Korrekturen deutlich verringern und hilft, den Blick aufs Wesentliche zu richten, nämlich stilistische und inhaltliche Verbesserungsvorschläge.