All diejenigen, die das Folgende irrelevant finden, seien schon jetzt um Verzeihung gebeten – aber ungezählte Adrenalinschübe und Beinahe-Zusammenbrüche im Redaktionsalltag zwingen mich einfach dazu, über dieses Thema zu schreiben. Manche wird es gar nicht betreffen – wer mit einem Programm wie LaTeX Manuskript- und Satzphase in einem durchläuft, muss gar nicht erst weiterlesen. Allerdings soll es schon vorgekommen sein, dass auch eingefleischte LaTeX-Fans gezwungen wurden, ihr Manuskript im Word-Format beim Verlag einzureichen …

Manuskript und Satzfahne: zwei Phasen, zwei Programme, zwei Aufgabenbereiche

Beim traditionellen Publikationsprozess sind zwei Etappen für Autor*innen besonders wichtig, denn hier lauert die meiste Arbeit: die Manuskript-Phase, in der ein Text geschrieben und redigiert wird, und die Satzfahnen-Phase, in der Texte und Bilder bereits layoutet, d. h. im Großen und Ganzen schon so angeordnet sind, wie sie später in der fertigen Publikation erscheinen.

In der Manuskript-Phase nutzen Autor*innen und Lektorat meistens ein Textverarbeitungsprogramm wie das besonders weit verbreitete Word. Ist alles fertig vorbereitet, werden Text- und Bild-Dateien an das Satzbüro weitergeleitet, das mit einem Grafikprogramm (beispielsweise InDesign) Satz und Layout vornimmt. Aus dem Grafikprogramm wird die Satzfahne in ein PDF exportiert, und dieses PDF geht wiederum in die Autorenkorrektur. Das mit einem PDF-Programm wie Adobe Acrobat korrigierte PDF wandert wieder zurück ans Satzbüro, das die Korrekturen m Grafikprogramm umsetzt und aus der korrigierten Layoutdatei ein neues PDF erzeugt, usw.

Diese Produktions- und Korrekturschleifen könnten im Prinzip unendlich wiederholt werden. Werden sie manchmal auch, leider, aber dazu später mehr.

Textverarbeitungs- und PDF-Programm bieten unterschiedliche Werkzeug-Sets

Wer viel mit Word oder einem anderen Textverarbeitungsprogramm hantiert, ist meistens mit dessen Überarbeitungswerkzeugen vertraut. Von der feinen kosmetischen Retusche bis zum rabiaten Umbau sind so ziemlich alle Eskalationsstufen der Manuskript-Überarbeitung möglich, und das in nachvollziehbarer Form, was praktisch ist, wenn mehr als eine Person an einem Manuskript werkelt: Im „Überprüfen“-Modus sieht man genau, welche Änderungen von wem vorgenommen wurden. Diese Änderungen lassen sich dann mit nur einem Klick einzeln oder auch pauschal fürs ganze Dokument annehmen oder ablehnen.

Die Werkzeugkiste eines PDF-Programms funktioniert da etwas anders: Zwar gibt es auch hier ein breites Angebot an Kommentarblasen und Tools zum Streichen, Ersetzen oder Ergänzen von Text, aber der große Unterschied besteht darin, dass sämtliche Korrekturen manuell eingearbeitet werden müssen. Das PDF dient hier nur als eine Art Notizzettel, von dem das Satzbüro alle Änderungen ins Layoutprogramm überträgt.

Wie Korrekturen zu neuen Fehlern führen können

Die PDF-Kommentarwerkzeuge bergen in zweierlei Hinsicht ein Risiko: Auf den ersten Blick scheint sonnenklar, wie man sie verwenden sollte, aber die Tools verführen Autor*innen oftmals zu Mehrfachkorrekturen (z. B. Sprechblasen kombiniert mit Textwerkzeugen), zum Austauschen oder Streichen umfangreicher Textpassagen oder zum Einfügen von Sprechblasenkommentaren, die eher fürs Lektorat oder eine Ko-Autorin als für das Satzbüro gedacht sind: „Sollte ich hier nochmals Müller 2005 zitieren?“. All diese unübersichtlichen, umfangreichen oder irrelevanten Korrekturen zu sichten und zu bearbeiten bedeutet einen erheblichen Mehraufwand für das Satzbüro, der sich wiederum ungünstig auf die Produktionskosten auswirken kann.

Neben dem Zusatzaufwand können unklare und mehrfach gesetzte Korrekturen zu Missverständnissen und neuen Fehlern führen. Besonders gefürchtet ist der Domino-Effekt, den Änderungen im Layout einer Satzfahne auslösen können: Gelegentlich reicht schon das Kürzen oder Ergänzen weniger Wörter, um den gesamten Zeilen- oder gar Seitenumbruch zu verschieben, so dass auch bislang optimal platzierte Elemente ins Rutschen kommen und nun ebenfalls korrigiert werden müssen, die Nachbesserungsarbeiten am Layout und die Anzahl der Korrekturschleifen nehmen dann kein Ende und der Frust derjenigen, die mit den Satzarbeiten betraut sind, auch nicht.

Rollenwechsel in der Satzphase

Klar ist es auch in der Satzphase angemessen, Tippfehler zu korrigieren und vielleicht die eine oder andere Literaturangabe zu ergänzen, besonders wenn der Publikationsprozess sich dermaßen in die Länge zieht, dass die Bibliografie schon veraltet ist, wenn die Veröffentlichung endlich erscheint. Aber alle anderen Korrekturen gehören in die Manuskriptphase! In der Satzphase steht die Kontrolle des Layouts im Vordergrund: Sind die Seiten- und Zeilenumbrüche in Ordnung, stehen einzelne Zeilen eines Absatzes einsam am Beginn oder Ende einer Seite (im Setzer-Jargon: Hurenkinder und Schusterjungen), erscheinen die Bilder an der richtigen Stelle, ist der Abbildungsverweis in der Nähe des Bildes platziert oder muss man mehrfach blättern (bzw. scrollen), um vom Bildverweis zum Bild zu kommen?

Eigentlich geht es in der Satzphase um einen Rollen- und Perspektivwechsel: die Autorin schlüpft in die Rolle der Leserin und betrachtet ihr Werk so, als ob es schon veröffentlicht wäre. Bei Veröffentlichungen, die in Buchform gesetzt sind – also in gegenüberliegenden Doppelseiten – hilft es sehr, zur Layoutkontrolle im PDF-Programm die Zweiseitenansicht einzustellen. Eine kleinere Zoom-Stufe unterstützt dabei, den Blick vom Detail weg aufs große Ganze zu richten.

Wenn die Manuskript-Baustelle die gebührende Aufmerksamkeit erfahren hat, wandern auch keine Korrekturaufgaben aus diesem Abschnitt mit hinüber in die Satzphase. Das unterstützt einen zügigen Satz- und Korrekturprozess und schont die Nerven aller Beteiligten.

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